In der modernen Agrar- und Lebensmittelindustrie ist Produktsicherheit kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess des Risikomanagements. Der EFISC-GTP-Standard (European Feed & Food Ingredients Safety Certification) schafft eine Architektur, in der die lokale Kontrolle im Betrieb zu einem Teil eines globalen Schutzschildes wird, das die Gesundheit von Menschen und Tieren in Europa schützt.
Ein grundlegendes Prinzip des europäischen Rechts (General Food Law) besagt, dass die Kette „vom Hof bis auf den Tisch“ ununterbrochen ist. Lebensmittelsicherheit beginnt mit der Sicherheit von Futtermitteln und deren Inhaltsstoffen. Jeder Vorfall im Futtermittelsektor — sei es eine chemische Kontamination oder das Vorhandensein von Krankheitserregern — birgt zwangsläufig Risiken für die gesamte Lebensmittelkette.
Der EFISC-GTP-Standard führt diese Bereiche zusammen und verlangt von den Unternehmen einen systematischen Ansatz. Wenn ein Inhaltsstoff sowohl in der Lebensmittelindustrie als auch in der Tierernährung verwendet werden kann, muss das System für das Incident Management die spezifischen Merkmale beider Sektoren berücksichtigen, einschließlich unterschiedlicher Rückstandshöchstgehalte (MRLs) und gesundheitlicher Wirkungspfade.
Ein zentrales Instrument für Transparenz ist das Zusammenspiel zwischen internen und externen Frühwarnsystemen.
- Incident and Crisis Management: Dies ist das „Nervensystem“ der Branchenstandards. Wenn ein Unternehmen feststellt, dass unsichere Produkte seiner Kontrolle entzogen wurden, ist es verpflichtet, innerhalb von 24 Stunden das Protokoll für Incident and Crisis Management einzuleiten und die Certification Body (CB) sowie EFISC-GTP zu informieren. Dadurch können andere Marktteilnehmer, die nach den Systemen GMP+, QS oder AIC zertifiziert sind, umgehend benachrichtigt werden, um eine weitere Ausbreitung der Gefahr zu verhindern.
- RASFF (Rapid Alert System for Food and Feed): Das offizielle Instrument der EU für den Informationsaustausch zwischen nationalen Regulierungsbehörden. Die sorgfältige Anwendung des Verfahrens für Incident and Crisis Management durch das Unternehmen ermöglicht es den staatlichen Behörden, Daten im RASFF rechtzeitig zu aktualisieren. Für das Unternehmen ist die Überwachung des RASFF-Window-Portals eine Möglichkeit, Risiken im Zusammenhang mit Rohstoffen aus bestimmten Regionen oder von bestimmten Lieferanten proaktiv zu bewerten.
Der EFISC-GTP-Standard ist streng: Ein Krisenmanagementverfahren darf nicht nur auf dem Papier existieren. Das Unternehmen ist verpflichtet, jährlich eine praktische Prüfung des Systems durchzuführen, die nicht nur die interne Rückverfolgbarkeit, sondern auch die Simulation externer Kommunikation umfasst.
Das Personal muss das tatsächliche Verfahren zur Benachrichtigung der Certification Body und der EFISC-GTP-Organisation üben. Während des Tests, der klar als „TEST“ gekennzeichnet sein muss, werden die Gültigkeit der Kontaktdaten, die Zeit für die Vorbereitung der Meldeformulare sowie die Bereitschaft des Krisenteams bewertet, unter Zeitdruck Entscheidungen zu treffen.
Während des Audits bewertet der Experte nicht das Vorhandensein eines Ordners mit Vorschriften, sondern die tatsächliche Integration der Verfahren in die Abläufe des Unternehmens:
- Verwendung des „Entscheidungsbaums“: Wie genau beurteilt das Personal die Schwere von Vorfällen?
- Testergebnisse: Wurden während der jährlichen Rückrufsimulation Schwachstellen identifiziert und beseitigt? Wurde die Benachrichtigung externer Parteien geübt?
- Verbindung zu HACCP: Werden Daten aus dem RASFF-System bei der jährlichen Überprüfung der Risikoanalyse berücksichtigt?
- Reaktionszeit: Ist das Unternehmen in der Lage, den Status einer Charge zu bestätigen und interessierte Parteien innerhalb der vorgeschriebenen 24-Stunden-Frist zu informieren?
Transparentes Incident Management ist eine Investition in rechtliche und reputationsbezogene Sicherheit. Der rechtzeitige Einsatz von Instrumenten des Incident Managements und des RASFF-Monitorings ermöglicht:
- Minimierung finanzieller Verluste: Eine schnelle Eingrenzung des Problems verhindert massive Produktrückrufe.
- Stärkung des Vertrauens: Für globale Partner ist ein EFISC-GTP-Zertifikat und ein gut etabliertes Reaktionssystem ein Garant für die Zuverlässigkeit des Lieferanten.
- Sicherung von Exportrechten: Die Einhaltung europäischer Sicherheitsprotokolle öffnet den Zugang zu den anspruchsvollsten Märkten der Welt.
Incident Management im Rahmen von EFISC-GTP stellt das höchste Niveau des Sicherheitsmanagements dar. Es bedeutet den Übergang von der Reaktion auf Folgen hin zur proaktiven Beteiligung am Schutz der globalen Lebensmittelkette. Nur durch regelmäßige Tests und eine enge Integration mit den EWS- und RASFF-Systemen kann ein Unternehmen seinen Status als professioneller und verantwortungsbewusster Marktteilnehmer bestätigen.