Das Prinzip „Vom Hof auf den Tisch“ ist in der modernen Agrarwirtschaft längst etabliert. Viele Jahre lang konzentrierte sich der Markt ausschließlich auf die letzte Stufe der Produktionskette – die Verarbeitung von Fleisch, Milch und Eiern. Heute wissen Fachleute und Agrarunternehmen jedoch, dass Tiergesundheit, die Erhaltung des Tierbestands und Lebensmittelsicherheit lange vor dem Schlacht- oder Molkereibetrieb gewährleistet werden müssen – bereits beim Anbau der Rohstoffe sowie bei der Herstellung von Futtermitteln und Futtermittelbestandteilen.
Die Zertifizierung im Futtermittelsektor ist nicht nur ein formelles Dokument für die Kontrollbehörden. Sie ist ein umfassendes Qualitäts- und Risikomanagementsystem, das die biologische Sicherheit der Produkte, die Transparenz des Unternehmens und den Zugang zu internationalen Märkten gewährleistet.
1. Biosicherheit und Schutz neugeborener Nutztiere
Der wichtigste und zugleich sensibelste Grund für eine Zertifizierung ist die biologische und chemische Sicherheit der Futterrationen, insbesondere in den ersten Phasen der Tier- und Geflügelaufzucht.
Schutz neugeborener Nutztiere – Geflügel, Rinder und Schweine. Der Organismus eines Kükens, Kalbes oder Ferkels ist in den ersten Lebenstagen äußerst empfindlich. Eine noch nicht vollständig entwickelte Darmflora und ein schwaches Immunsystem sind nicht in der Lage, Giftstoffe zu neutralisieren. Jede Abweichung bei der Qualität von Pre-Starter- oder Mischfuttermitteln – etwa eine geringfügige Kontamination mit Mykotoxinen, pathogenen Salmonellen oder oxidierten Fetten – kann unmittelbar zu hoher Sterblichkeit und Entwicklungsverzögerungen führen.
Erhaltung des genetischen Potenzials. Ein hochwertiges, zertifiziertes Starterfutter bestimmt die gesamte zukünftige Leistungsfähigkeit eines Tieres. Fehler bei der Fütterung von Jungtieren können während der Mastphase nicht mehr ausgeglichen werden.
Schutz des Menschen. Tiere können Schadstoffe auf natürliche Weise in ihrem Organismus anreichern. Schwermetalle, Pestizide und Antibiotika aus minderwertigen Futtermitteln können in Fleisch, Milch und Eier gelangen und direkte Risiken für die Gesundheit der Verbraucher darstellen.
2. Zentrale Sicherheitsstandards: HACCP, ISO 22000 und EFISC-GTP
International anerkannte Standards und Zertifizierungssysteme bilden die Grundlage für Managementsysteme zur Gewährleistung der Sicherheit von Futtermitteln.
HACCP und ISO 22000
HACCP – Gefahrenanalyse und kritische Kontrollpunkte – ist der grundlegende internationale Ansatz zur Risikoanalyse und Überwachung kritischer Kontrollpunkte. Die internationale Norm ISO 22000 basiert auf diesem Konzept und verbindet die HACCP-Grundsätze mit Präventivprogrammen (PRPs).
Die Zertifizierung nach ISO 22000 ist universell einsetzbar und eignet sich sowohl für Hersteller von Mischfuttermitteln und Futtermittelzusatzstoffen als auch für Getreidesilos, Logistikunternehmen und Verarbeitungsbetriebe.
EFISC-GTP – europäischer Standard für Verarbeiter und Händler
Das EFISC-GTP-System wurde speziell für die europäische Getreide- und Ölsaatenverarbeitungsindustrie sowie für Unternehmen entwickelt, die mit Futtermittelrohstoffen wie Schrot, Ölkuchen, Pflanzenölen, Kleie und Stärkeprodukten handeln.
Der Standard verbindet Anforderungen an die Futtermittelsicherheit und die Gute Handelspraxis – GTP (Good Trading Practice) – mit Anforderungen an die Produktionshygiene. Dadurch wird ein hohes Maß an Vertrauen bei europäischen Abnehmern gewährleistet.
3. Gegenseitige Anerkennung von Standards – GMP+, FAMI-QS, QS und anderen regionalen Futtermittelstandards – sowie lückenlose Kontrolle
Der Futtermittelmarkt ist stark globalisiert. Um einen ungehinderten Handel zwischen den Teilnehmern verschiedener internationaler Zertifizierungssysteme zu ermöglichen, gilt das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung.
GMP+ und FAMI-QS
Westeuropäische Systeme wie GMP+ FSA für die Herstellung und den Handel von Mischfuttermitteln sowie FAMI-QS für spezielle Futtermittelbestandteile und Zusatzstoffe erkennen die Gleichwertigkeit zahlreicher Sicherheitsanforderungen an. Dadurch können sich Unternehmen mit zertifizierten Managementsystemen leichter in globale Lieferketten integrieren.
Das QS-System – Qualitätssicherung für Lebensmittel
Ein besonderes Merkmal des deutschen QS-Systems ist die Kontrolle einer möglichst umfassenden Lieferkette – vom Futtermittelhersteller über den landwirtschaftlichen Betrieb und den Schlachthof bis hin zum Verkaufsregal im Supermarkt.
Ein im QS-System anerkannter Zertifizierungsstatus eröffnet direkte Liefermöglichkeiten zu großen europäischen Fleischverarbeitungsunternehmen und Einzelhandelsketten.
4. Kontrolle auf Feldebene (GAP) und Umweltanforderungen (ISCC und EUDR)
Futtermittelsicherheit beginnt nicht erst im Werk, sondern bereits auf dem Feld. Deshalb sind moderne Zertifizierungssysteme eng mit ergänzenden Standards verbunden.
GAP – Gute landwirtschaftliche Praxis
Die Gute landwirtschaftliche Praxis regelt den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln und sieht Kontrollen der Boden- und Wasserqualität vor. Dadurch wird verhindert, dass Mykotoxine und Agrochemikalien in die Ernte gelangen.
ISCC und EUDR
Umweltanforderungen und die EU-Verordnung über entwaldungsfreie Produkte (EUDR) verlangen eine präzise, geolokalisierungsbasierte Rückverfolgbarkeit der Herkunft von Rohstoffen. Dies betrifft insbesondere Soja, Palmölerzeugnisse und Getreide.
Diese Anforderungen gewährleisten, dass die Rohstoffe ohne Schädigung der Umwelt und der Wälder angebaut wurden.
5. Gewährleistung der Rückverfolgbarkeit und Schutz des Unternehmens
Ein zertifiziertes Unternehmen kennt die vollständige Historie jeder Produktcharge:
- auf welchem Feld der Rohstoff gemäß den Anforderungen von GAP und EUDR angebaut wurde;
- welche Prüfungen und Verarbeitungsschritte er im Getreidesilo oder im Produktionsbetrieb gemäß HACCP, ISO 22000 und EFISC-GTP durchlaufen hat;
- an wen und in welchen Mengen das Endprodukt geliefert wurde.
Im Falle eines Vorfalls ermöglicht das Rückverfolgbarkeitssystem, eine bestimmte Charge innerhalb weniger Stunden zu identifizieren und zurückzurufen. Dadurch werden die finanzielle Stabilität und der Ruf des Unternehmens geschützt.
Die Zertifizierung im Futtermittelsektor ist ein umfassendes System, das die primäre landwirtschaftliche Praxis (GAP), die technologische Sicherheit auf Produktionsebene (HACCP, ISO 22000 und EFISC-GTP) sowie die Integration in globale Handelsketten durch Systeme der gegenseitigen Anerkennung (GMP+, QS und FAMI-QS) miteinander verbindet.
Die Einführung und Zertifizierung dieser Systeme macht ein Futtermittelunternehmen zu einer transparenten, effizient geführten und wettbewerbsfähigen Organisation, die in der Lage ist, jeden nationalen oder internationalen Geschäftspartner zu beliefern.